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Aus der dunklen Ecke

In den Ecken lauerte der Tod. Wenn Ramirez irgendeine Lehre aus seinem beschissenen Leben gezogen hatte, dann die Erkenntnis, dass in den Ecken der Tod lauerte. Sein Vater wurde in einer dunklen Ecke erstochen und seinen Onkel hatte man seinerzeit ebenfalls in einer dunklen Ecke die Kehle aufgeschlitzt. Wenn Ramirez also Aussicht auf Erfolg haben sollte, dann musste er sich einfach in einer dunklen Ecke verstecken und warten, bis dieses Arschloch, Jennings, vorbeikam.
Manche Dinge sind so einfach, dachte Ramirez. Wenn auf dem Weg zum Erfolg sich eine dunkle Ecke zeigt, dann hat man schon halb gewonnen. Es sei denn, die Ecke ist schon besetzt. Dann wird’s Zeit für ein Ave Maria.
Ramirez hatte tagelang den Tagesablauf von Jebediah Jennings, Gemüsehändler in Brooklyn, studiert. Er wusste, dass dieser schmierige Drecksack morgens um fünf in die Großmarkthalle fuhr, irgendwelches Hasenfutter kaufte, mit seinem Pickup gegen sieben in seinem Laden ankam, die Kisten bestückte und auf Kunden wartete. Dazwischen hielt er immer ein Schwätzchen mit irgendwelchen Nachbarn, die Ramirez nicht kannte. Ab und zu hielt ein Polizeiwagen vor seinem Gemüseladen. Auch mit den Bullen unterhielt sich Jennings, wenn sie im Laden nebenan Donuts und Kaffee kauften. Sie lachten, scherzten. Und Ramirez lachte innerlich mit, wenn er daran dachte, dass dieses Scherzen bald ein Ende haben würde. Um die Mittagszeit lief Jennings zu einem Chinesen-Imbiss an der Brooklyn-Bridge und schlang ein paar Frühlingsrollen und gebratene Nudeln herunter. Dann holte er sich einen Kaffee aus dem McDonalds und trabte in seinen Laden zurück. In der Zwischenzeit passte sein etwas debiler Neffe Jackson auf den Laden auf. Mittags war selten etwas los, so dass Jackson nie in die Verlegenheit kam etwas zu tun, für das seine Intelligenz nicht ausreichte. Jennings mochte seinen Neffen. Das sah Ramirez daran, dass er ihm öfter durch die Haare strich und ihm ein paar aufmunternde Worte zurief, die Ramirez nie verstehen konnte, die aber immer ein breites Lächeln auf das Gesicht des Blödmanns zauberten. Und während Ramirez den vierten oder fünften Tag dem Treiben Jennings’ zugesehen hatte und wie jeden Tag Zeuge dieses vertrauten Umgangs wurde, begann sich sein Plan zu ändern. Anstelle von Jebediah Jennings, würde Ramirez den Blödmann Jackson umbringen. Und das war nur fair. Schließlich sollte Jebediah leiden. Und sollte der beabsichtigte Effekt nicht eintreten, konnte er immer noch Jebediah Jennings abstechen. Es gab also mehr Optionen.
Es war an diesem vierten oder fünften Tag, als sich ihm die dunkle Ecke aufdrängte. Gegen sieben Uhr abends schloss Jebediah Jennings wie immer seinen Laden und trabte mit einer Tasche in der Hand, in der Ramirez die Tageseinnahmen vermutete, zwei Blocks weiter zu einer Kneipe. Auf dem Weg dorthin nahm Jennings eine Abkürzung zwischen mehreren Häusern, die durch eine schmale Gasse führte, in der die Mülleimer und Container einen abartigen Geruch aus Fäulnis und Verwesung ausströmten. Zwischen einer Feuerleiter und einem rostigen Regenrohr lockte die dunkle Ecke, an der Jebediah Jennings nur einen Fußbreit vorbeischritt. Genau das richtige Versteck für Ramirez. Hier brauchte er nur seinen Arm ausstrecken und Jennings an sich heranziehen, dann würde das Messer einen sauberen Schnitt an seinem Hals setzen.
Für Jackson aber, den Blödmann, musste er sich etwas anderes überlegen. Aber Jackson hatte keinen geregelten Tagesablauf wie sein Onkel. Er kam aus dem Nichts, er verschwand im Nichts. Also musste Ramirez sich erstmal um Jackson kümmern. Er ging ihm nach, als Jebediah wieder von seiner Mittagspause gekommen war und Jackson aus dem Laden stiefelte. Anscheinend hatte er etwas Geld von seinem Onkel bekommen, denn Ramirez, der auf der anderen Straßenseite so tat, als lese er in einer Zeitung, sah, wie Jackson etwas in der Hand hielt und so aussah, als dächte er angestrengt nach. Wahrscheinlich zählte er die Scheine. Du armer Irrer, dachte Ramirez und grinste. Wie viel hat er dir gegeben, der Halsabschneider? Zwei Dollar? Vier Dollar? Gar fünf? Was mochte Jackson mit dem Geld anstellen?
Jackson packte das, was er in der Hand hielt in seine Tasche. Kramte es noch mal raus, schaute noch mal nach, steckte es wieder ein. Dann grinste er wieder sein Blödmannlachen, winkte durch die große Scheibe in den Gemüseladen und überquerte die Straße.
Ramirez warf die Zeitung in einen Mülleimer und schlug den Mantelkragen hoch. Trotz des Sonnenscheins war es lausig kalt. Er schob die Sonnenbrille mit dem Mittelfinger auf seinem Nasenrücken zurecht, tat so, als besähe er sich die Auslagen in den Schaufenstern und als Jackson um die Ecke ging, lief er ihm nach. Er lief in die Richtung, in die Jebediah abends ging. Richtung Kneipe. Möglicherweise wollte Jackson sich einen hinter die Binde kippen? Die Kneipe hatte rund um die Uhr auf. Tatsächlich nahm Jackson den Weg durch die Gasse, in der Ramirez seine dunkle Ecke gefunden hatte. Er ließ Jackson einen Vorsprung von etwa zwanzig Meter, bis er selbst in die Gasse einbog. Wenn er sich immer hinter den Container hielt, konnte er nicht gesehen werden, falls Jackson auf die Idee kam, hinter sich zu schauen.
Gerade, als Ramirez die dunkle Ecke passieren wollte, geschah es. Ein Arm schnellte aus der Dunkelheit, griff an seine Kehle und riss ihn um. Ramirez schlug mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf und sah für einen Moment nur Sterne. Der Schmerz raubte ihm den Atem und er sah nicht die zwei, drei Fäuste, die auf sein Gesicht niederprasselten. Erst mit einiger Verzögerung kostete er den metallischen Geschmack seines eigenen Blutes. Eine Ohnmacht warf ihren dunklen Mantel um seine Sinne, aber Ramirez weigerte sich, dieses scheiß Kleidungsstück anzuziehen. Seine ganzen Körperzellen stemmten sich gegen die drohende Niederlage und er fühlte einen neuen Schwung an Kraft durch seine Adern fließen.
„Du Scheißkerl, du beschissenes Arschloch“, versuchte er zu sagen, während er mit seinen Armen den unbekannten Angreife auf Distanz zu halten versuchte. Aber nichts außer einem blutigen Gurgeln entrang sich seiner Kehle. Er musste husten und würgen als sich ein Zahn auf den Weg in seine Luftröhre machte. Er schluckte den Zahn mit einem Ballen Blut herunter und trat dem Angreifer sein Knie in den Magen. Für einen Moment verringerte sich die Last, die auf Ramirez einwirkte, aber die Zeit war zu kurz, als dass er sich einen Vorteil davon verschaffen konnte. Sein linkes Auge war mittlerweile zu geschwollen und durch sein rechtes sah er kaum mehr als einen undeutlichen schwarzen Strich, den er als den Unbekannten aus seiner dunklen Ecke identifizierte.
„Was willst du Arschloch von Jennings?“ hörte Ramirez eine rauchige Stimme fragen. Er roch eine üble Mischung aus Sardinen und Knoblauch, die aus dem Mund des Angreifers strömte.
„Gggbbbggbb“, sagte Ramirez, drehte den Kopf zur Seite und spuckte Blut. „Das Arschloch hat meinen Bruder totgefahren.“
„Und deswegen verfolgst du ihn? Du wolltest ihm ans Leder, oder? Gib’s zu!“
Der Angreifer saß auf Ramirez und hielt seine beiden Arme auf den Boden gepresst. Ramirez spürte eine Glasscherbe, die sich in seinen rechten Daumen bohrte. Nur ein weiterer Schmerz, der sich hinten anstellen musste.
„Jennings, das Arschloch muss dafür büßen“, spuckte Ramirez.
„Es war ein gottverdammter Unfall. Dein Bruder ist besoffen vor das Auto gelaufen, das weißt du.“
„Er hat meinen Bruder gekillt.“
„Mach ihn fertig, Joe, mach ihn kaputt“, sagte plötzlich eine helle und hysterische Stimme, die hinter Ramirez’ Kopf ertönte. Jackson Jennings.
Ramirez versuchte den Kopf zu heben. Er wusste nicht, welcher Schmerz der schlimmere war. Der Schmerz in seiner eingeschlagenen Visage oder der Schmerz, dass es ihn in einer dunklen Ecke erwischt hatte. Seiner dunklen Ecke. Die dunkle Ecke, die er ausgesucht hatte, die er als Ausgangspunkt für seine gerechte Rache erwählt hatte. Die dunkle Ecke, die seine Familienehre wieder herstellen sollte. Die Ecke, die nicht nur seinen Bruder sondern auch seinen Vater und seinen Großvater rächen sollte. Und jetzt lag er da, angegriffen aus einer dunklen Ecke. Wie erbärmlich das nur ist, dachte er und spuckte wieder Blut. Der Zorn und der Schmerz bäumten sich in ihm auf und wieder hagelte es Fausthiebe. Er sackte wieder zusammen.
„Ja, Joe, gibs ihm. Hau ihm seine scheiß Fresse ein. Tret’ ihn, bitte, tret’ ihn“. Jackson jauchzte. Er hatte einen Mordsspaß.
„Du wirst dich ab sofort von Jebediah Jennings fernhalten, verstanden? Du wirst dich ab sofort in diesem Viertel nicht mehr blicken lassen, verstanden?“
Ramirez konnte keine Antwort geben, sein Mund war gefüllt mit Blut und abgebrochenen Zähnen. Seine Lippen waren auf das Dreifache angewachsen und seine Augen waren unter fetten Schwellungen verschwunden.
Er spuckte seinem Angreifer ins Gesicht. Sofort hagelte es wieder Schläge. Ramirez jaulte nur noch auf. Er hörte noch so etwas wie „eine letzte Warnung, sonst bist du tot“, dann senkte sich die Bewusstlosigkeit über ihn. Diesmal ließ er sie gewähren. Er spürte nicht mehr den Tritt an seinen Kopf, den der glücklich aufschreiende Blödmann Jackson ausführte.


Die Geschichte erschien 1981 unter dem Titel "From a corner darkly" im "National Intriguer"



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